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Obwohl Cardoni im Sicherheitstrakt des St. Francis untergebracht war, hatte Amanda Angst vor dem Alleinsein. Trotzdem lehnte sie Tonys Angebot ab, wieder in sein Haus zu kommen. Sie war noch nie vor etwas davongelaufen, das ihr Angst machte, und sie wollte auch jetzt nicht damit anfangen.
Als sie an diesem Abend allein in ihrer Wohnung war, sah sie sich einen alten Film an, bis ihr die Augen schwer wurden, und ging gegen eins ins Bett. Sie träumte wieder von dem Operationsraum, dem maskierten Chirurgen und dem blutgefüllten Becher. Wieder glitt der Becher dem Chirurgen aus der Hand, wieder spritzte Blut in hohem Bogen durch die Luft. Amanda schrak abermals aus dem Traum hoch, als der Becher zersplitterte. Zum zweiten Mal hatte sie nun schon diesen Traum gehabt, und jedes Mal war sie völlig verstört aufgewacht.
Vor den Büros von Jaffe, Katz, Lehane and Brindisi lauerten keine Reporter, als Amanda um acht Uhr am nächsten Morgen dort ankam. Solange sie sich auf Justine Castle konzentrieren musste, hatte sie die Arbeit an ihren anderen Fällen schleifen lassen. Doch bevor sie sich diesen Fällen wieder zuwenden konnte, musste sie Justines Unterlagen in Ordnung bringen. Bei dieser Arbeit fiel ihr Bobby Vasquez' Liste möglicher vergleichbarer Serienmorde in die Hand. Sie erinnerte sich an ihr Versprechen, diese Mike Greene zu schicken. Als sie die Liste überflog, blieb ihr Blick bei dem Eintrag über Ghost Lake in Oregon hängen. Der Name erinnerte sie an etwas, aber bevor sie darüber nachdenken konnte, wurde sie unterbrochen.
»Hier ist ein Anruf für Sie auf Leitung drei«, sagte die Sekretärin.
»Wer ist es?«
»Er sagt, er sei Vincent Cardoni«, erwiderte die Sekretärin nervös. »Er hat nach Mr. Jaffe gefragt. Als ich ihm sagte, dass er verreist ist, verlangte er ausdrücklich, Sie zu sprechen.«
Amanda zögerte. Es wäre sehr einfach gewesen, die Sekretärin ausrichten zu lassen, dass sie seinen Anruf nicht entgegennehme, aber dann war ihre Neugier doch stärker.
»Warum rufen Sie in unserer Kanzlei an, Dr. Cardoni?«, fragte Amanda, kaum dass das Gespräch durchgestellt war. »Ihr Anwalt ist doch Roy Bishop.«
»Roy Bishop besitzt beim Staatsanwalt und bei der Polizei keine Glaubwürdigkeit.«
»Das mag sein, aber wir sind nicht mehr Ihre Anwälte.«
»Ich habe Ihrem Vater eine Menge Geld bezahlt, damit er mich verteidigt. Er hat noch immer das Mandat.«
»Das können Sie mit ihm besprechen, wenn er wieder da ist. Was mich betrifft, war unsere professionelle Beziehung beendet, als Sie meine Mandantin ermordeten.«
»Aber das habe ich nicht. Bitte kommen Sie ins St. Francis! Ich muss mit Ihnen reden.«
»Sie müssen wahnsinnig sein, wenn Sie glauben, dass ich nach dem, was Sie Justine angetan haben, auch nur in Ihre Nähe kommen würde.«
»Sie müssen kommen!« Seine Stimme klang heiser und flehend.
»Als ich mich das letzte Mal mit Ihnen treffen sollte, ging die Sache nicht gerade gut aus. Ich glaube, diesmal verzichte ich.«
»Die Sache ist viel wichtiger, als Sie denken«, sagte Cardoni eindringlich. »Sie sind in Gefahr, und Sie sind der einzige Mensch, der genug weiß, um zu verstehen.«
Amanda zögerte. Sie hatte kein Interesse an einem Gespräch mit Cardoni. Schon allein der Gedanke, mit ihm im selben Zimmer zu sein, jagte ihr einen Schrecken ein. Aber der Chirurg klang sehr bekümmert und verunsichert.
»Hören Sie gut zu, Dr. Cardoni! Sie glauben, wir haben eine Anwalt-Mandanten-Beziehung, aber die haben wir nicht. Wenn Sie irgendetwas Sie Belastendes sagen, gehe ich von Ihrem Krankenhauszimmer sofort zur Polizei und sage denen alles, was Sie mir gesagt haben.«
»Dieses Risiko gehe ich ein.«
Die Antwort überraschte Amanda. »Lassen Sie mich eins ganz klar sagen, Doktor. Ich würde nichts lieber tun, als Ihnen eigenhändig die Todesspritze zu verpassen.«
»Wie gesagt, das Risiko gehe ich ein.«
Amanda überlegte einen Augenblick. Am anderen Ende der Leitung hörte sie Cardonis abgehacktes Atmen.
»Ich rede unter einer Bedingung mit Ihnen. Ich bringe einen Freistellungsvertrag mit. Wenn Sie den unterzeichnet haben, bin ich von meiner anwaltlichen Verschwiegenheitspflicht entbunden und kann der Polizei alles sagen, was Sie mir erzählen. Ich kann dann außerdem vor Gericht gegen Sie aussagen. Werden Sie diesen Vertrag unterschreiben?«
»Ja, das werde ich.«
Eine solide Stahltür trennte den Sicherheitstrakt des St. Francis Medical Center von einem kleinen Vorraum vor dem Aufzug ab. Ein Pfleger saß an einem Tisch vor der Tür. Der Mann kontrollierte Amandas Ausweis und ihre Aktentasche und drückte dann auf einen Knopf. Ein zweiter Pfleger musterte Amanda durch ein Fenster aus kugelsicherem Glas in der oberen Hälfte der Tür. Dann ließ er sie ein, verschloss die Tür wieder und führte sie zu Cardonis Zimmer, vor dem ein Polizist saß. Der Beamte stand auf, als er auf dem schmalen Gang Schritte kommen hörte. Amanda gab ihm ihren Anwaltsausweis und den Führerschein.
»Ich bin Dr. Cardonis Anwältin.«
»Würden Sie bitte Ihre Aktentasche öffnen?«
Amanda tat es, und der Polizist blätterte ihre Unterlagen durch und schaute in jedes Fach.
»Sie müssen Ihre Aktentasche hier lassen. Papiere und einen Kugelschreiber können Sie mitnehmen, aber Sie dürfen den Stift nicht Dr. Cardoni geben.«
»Ich habe einen Vertrag, den er unterschreiben muss.«
»Okay. Ich komme mit Ihnen. Er kann ihn in meiner Gegenwart unterschreiben.«
Cardoni trug einen Krankenhauskittel und lag auf einem Bett mit leicht erhöhtem Kopfteil. Seine Arme lagen auf der Decke, und Amanda sah die gezackte Narbe an seinem rechten Handgelenk. Er verfolgte Amanda mit den Augen, als sie das Zimmer durchquerte. Sie zog sich einen Stuhl ans Bett, jedoch so weit von ihm entfernt, dass sie außerhalb seiner Reichweite war. Der Polizist stellte sich an den Fuß des Betts. Cardoni sah ihn an.
»Sie brauchen keinen Bodyguard«, sagte er leise zu Amanda. »Ich werde Ihnen nichts tun.«
Er wirkte müde und bedrückt. Das aggressiv Selbstbewusste, das sie bei ihm so oft erlebt hatte, war verschwunden.
»Der Polizist geht wieder, sobald Sie den Freistellungsvertrag unterschrieben haben.«
Cardoni streckte die Hand aus, und Amanda gab ihm das Dokument und einen Stift. Er las den Vertrag schnell durch, unterschrieb ihn und gab den Stift zurück.
»Ich sehe durchs Fenster zu«, versicherte ihr der Beamte, bevor er das Zimmer verließ. Amanda saß steif da, sie fühlte sich in der Gegenwart des Chirurgen sehr unbehaglich.
»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind«, sagte Cardoni, als die Tür ins Schloss gefallen war.
»Was wollten Sie mir sagen?“
Cardoni schloss die Augen und ruhte sich kurz aus. Er wirkte schwach und erschöpft. »Ich habe mich in Justine getäuscht.«
»Raffinierter Schachzug. Und wem wollen Sie jetzt die Schuld für Ihre Verbrechen in die Schuhe schieben?«
»Ich weiß, dass es mir sehr schwer fallen wird, Sie davon zu überzeugen, dass ich unschuldig bin, aber bitte hören Sie mich zu Ende an. Als Justine mich vor vier Jahren bei meiner Kautionsanhörung in die Pfanne haute, war ich mir sicher, dass sie es war, die mir diese Verbrechen anhängen wollte. Und nachdem ich das getan hatte«, sagte Cardoni und deutete auf sein vernarbtes Handgelenk, »dachte ich an nichts anderes mehr als an Rache für meine Hand, für die Zeit, die ich im Gefängnis verbracht hatte, und für die Zerstörung der Existenz, die ich mir aufgebaut hatte. Ich wollte, dass sie so litt, wie ich gelitten hatte.«
Cardoni streckte die Hand aus.
»Können Sie sich vorstellen, wie es ist, sich selbst die Hand abzusägen, einen Teil von sich selbst zu verlieren? Können Sie sich vorstellen, was das für einen Chirurgen bedeutet, dessen Existenz diese Hände ausmachen? Und die neue Hand.«
Cardoni lachte verbittert auf.
»Nach einem Glas zu fassen war so schwer wie auf den Everest zu klettern. Einen Stift halten, schreiben, mein Gott, die Stunden, die ich damit zugebracht habe, diese einfachen Tätigkeiten wieder zu erlernen.«
Er hielt inne und rieb sich die Augen.
»Und dann gab es natürlich noch die Opfer. Ich glaubte, dass Justine weiter morden würde und dass niemand sie aufhalten könne, weil alle mich für den Schuldigen hielten. Ich kam nach Portland zurück und nahm einen Job im St. Francis an, um Justine im Auge behalten zu können. Ich war mir sicher, dass sie sich ein neues Schlachthaus besorgt hatte. Ich brauchte fast ein Jahr, um es zu finden. Ich brachte Stunden damit zu, in Grundbüchern zu blättern, Anwesen zu besuchen, die den Anforderungen entsprachen, und mit Anwälten zu reden, bis ich schließlich am Donnerstag vor Justines Verhaftung auf Mary Ann Jager stieß. An diesem Abend fuhr ich zu der Farm und fand im Keller diesen armen Kerl. Er war bereits tot.«
Wieder schloss Cardoni die Augen und atmete rasselnd ein und aus, bevor er weiterredete. Er sah aus, als versuche er, einen bösen Traum zu verscheuchen.
»Ich ging ins Krankenhaus und stahl den Kaffeebecher. Eine OP-Haube von Justine und ein Skalpell mit ihren Fingerabdrücken hatte ich bereits.
Nachdem ich alles im Farmhaus deponiert hatte, parkte ich ein Stückchen von Justines Haus entfernt und rief sie auf dem Handy an. Sie fuhr los, und ich folgte ihr. Als ich sah, dass sie vom Highway auf die Straße einbog, die zur Farm führte, rief ich die Neun-eins-eins an. Ich hoffte, dass die Polizei sie auf der Farm antreffen würde. Falls nicht, waren ja ihre Fingerabdrücke auf den Gegenständen, die ich dort deponiert hatte, und auf allem, was sie berührt hatte, als sie dort war. Ein anonymer Tipp würde die Polizei zu ihr führen.«
Wieder hielt Cardoni inne. Er wirkte deprimiert.
»Als ich das Opfer im Keller fand, sah ich es mir genau an, damit ich einen Tagebucheintrag mit allen Details dessen, was sie ihm meiner Ansicht nach angetan hatte, schreiben konnte. Ich kopierte den Schreibstil des Tagebuchs, das ich im Schlafzimmer des Farmhauses fand. Sobald ich mir sicher war, dass Justine zur Farm fuhr, schrieb ich den Eintrag auf dem Computer in ihrem Haus und hinterließ einen Ausdruck.«
Cardoni rieb sich die Augen und seufzte.
»Ich war mir so sicher, dass ich das Richtige tat. Ich war mir so sicher, dass Justine ein Komplott gegen mich geschmiedet und all diese Leute umgebracht hatte. Als ich diesen Mann im Keller sah ...
ich war mir so sicher ...«
Cardoni verstummte.
»Alles lief genau so, wie ich es geplant hatte, bis Tony Fiori meine Tarnung aufdeckte. Ich wusste, die Polizei würde Justine freilassen, sobald sie merkten, dass ich noch am Leben war. Ich war verzweifelt, und deshalb ließ ich von Roy Bishop dieses Treffen mit Mike Greene arrangieren, weil ich den Staatsanwalt von Justines Schuld überzeugen wollte.«
»Das hat aber nicht funktioniert.«
»Nein, das nicht, aber etwas anderes ist passiert. Ich erhielt die Anweisung, zu einem Rastplatz an der 1-5 zu kommen. In dem Umschlag steckte auch ein Auszug aus einem Tagebuch. Es war ein Bericht über die Folterung eines Opfers. Nur der Mörder konnte dieses Tagebuch haben. Ich fuhr also vor dem angegebenen Zeitpunkt zu diesem Rastplatz, um ihm eine Falle zu stellen, doch dabei habe ich mich selber überlistet: Der Mörder war vor mir da, und ich wurde von einem Betäubungspfeil getroffen.«
Amanda hob die Hand, als wollte sie den Verkehr anhalten. »Bitte. Wenn Sie mir jetzt sagen wollen, dass Bobby Vasquez der Mörder ist, verlasse ich sofort dieses Zimmer.«
»Nein, nein. Ich wusste überhaupt nicht, dass er mir zu dem Rastplatz gefolgt war, bis McCarthy mich nach dem Mord an Justine verhörte.«
»Und wer war es dann? Der Butler?«
Cardoni erwiderte ihren Sarkasmus mit einem vernichtenden Blick. Dann verschwand seine Wut wieder, und er wirkte niedergeschlagen. Amanda verschränkte die Arme vor der Brust, blieb aber sitzen.
»Als ich nach der Betäubung zum ersten Mal aufwachte, war ich in völliger Dunkelheit und desorientiert. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das wirklich so war. Ich meinte, ein Licht zu sehen, und ich glaube, dass mir jemand noch eine Spritze verpasste. Dann wurde ich wieder ohnmächtig. Es muss sehr viel Zeit vergangen sein. Als ich das zweite Mal zu mir kam, war ich in Justines Küche. Ich erinnere mich daran, dass Fiori auf mich schoss. Danach wachte ich erst wieder im Krankenhaus auf.«
Amanda stand auf. »Das war eine sehr interessante Geschichte, Dr. Cardoni. Ich würde vorschlagen, Sie versuchen, sie nach Hollywood zu verkaufen. Vielleicht können Sie in der Todeszelle ja noch Karriere als Schriftsteller machen.«
»Ich habe Beweise. Lassen Sie mein Blut untersuchen! Im Krankenhaus wird vor jeder Operation Blut abgenommen. Das Krankenhaus soll nach Spuren von Betäubungsmitteln suchen. Ich war noch stark sediert, als Fiori auf mich schoss.«
»Das soll Ihr Anwalt veranlassen. Unsere Sozietät vertritt Sie nicht mehr.«
Amanda drückte auf den Knopf neben der Tür.
»Ich weiß, wer Justine umgebracht hat«, rief Cardoni ihr nach. »Es war Ihr Freund, Tony Fiori.«
Amanda lachte schallend auf. »Wenn ich Sie wäre, würde ich mich an den Butler halten. Das klingt um einiges glaubhafter.«
»Er versuchte doch schon im Krankenhaus, mich umzubringen«, rief Cardoni verzweifelt. »Dann schoss er in Justines Haus auf mich. Ich lag auf dem Boden, als er durch die Tür kam. Ich war kaum bei Bewusstsein. Warum sollte er auf jemanden schießen, der keine Bedrohung für ihn darstellte? Ich glaube, er wollte mich töten, um die Ermittlungen zu stoppen. Ich glaube, er fürchtete, die Polizei würde herausfinden, dass ich unschuldig bin, wenn sie diese Morde weiter untersuchte.«
Amanda drehte sich zu Cardoni um. Die Angst, die sie anfangs empfunden hatte, war längst kaltem Hass gewichen. »Er hat auf Sie geschossen, weil Sie versucht haben, ihn umzubringen, Dr. Cardoni. Ich habe Ihre Waffe gesehen.«
»Ich habe nie einen Schuss abgegeben. Das schwöre ich.“
Amanda klopfte an die Tür, und der Polizist öffnete ihr sofort. Sie drehte sich noch einmal zu Cardoni um.
»Ich war mit Tony zusammen, als Justine von ihrem Haus aus anrief und mich bat, zu ihr zu kommen. Zu dieser Zeit war sie noch am Leben, aber als Tony und ich bei ihr ankamen, war sie tot. Sie waren die einzige andere Person im Haus. Sie haben versucht, Tony zu töten, und Sie haben Justine umgebracht.«
»Miss Jaffe, bitte!«, flehte Cardoni. Aber Amanda hatte das Zimmer bereits verlassen.